Der leere Spiegel – Von einem, der auszog, den Sinn des Lebens zu finden

Der niederländische Krimi-Autor Janwillem van de Wetering reiste als 26-jähriger nach Japan, um in einem buddhistischen Kloster zu leben. Er suchte nach dem Sinn des Lebens, den er in der abendländischen Philosophie und bei Schülern von G. I. Gurdjieff nicht gefunden hatte.

Ich bin vor ungefähr zehn Jahren durch einen Tipp von Alf Poier auf das Buch „Der leere Spiegel“ aufmerksam geworden.

Zeichnung sitzender Zen-Schüler

Handlung

Der junge Holländer kommt also im Jahr 1958 in ein Rinzai-Kloster und lebt dort für eineinhalb Jahre. Der Klosteralltag ist hart, aber auch interessant. Die Mönche bekommen nachts nur vier Stunden Schlaf. Sie stehen um drei Uhr auf. Wenn sie beim Meditieren nachlässig sind, werden sie mit einem Stock geschlagen. Einmal im Jahr sind es sogar nur zwei Stunden Schlaf für eine Woche namens Rohatsu, und sie meditieren praktisch ununterbrochen. Dabei gehen sie an ihre körperlichen und psychologischen Grenzen.

Mit anderen Worten: Für mich persönlich wäre das vermutlich nichts. Buddha selbst hat den mittleren Weg gelehrt, der zwischen Selbstquälerei und Nachlässigkeit liegt. Doch Menschen wie Janwillem van de Wetering haben einen starken Drang, die Bedeutung unseres Lebens zu verstehen. Dafür sind sie bereit, Opfer zu bringen.

Die vier Edlen Wahrheiten

Das Buch enthält schöne Zitate dazu:

Was der indische Prinz damals bedachte, das hat jeder bedacht. Jeder Mensch, der beobachtet und nachdenkt, bekommt den Verdacht, dass Leben gleich Leiden ist. Vielleicht spricht er nicht gern darüber und verdrängt den Gedanken lieber; aber er weiß, dass das Dasein ein schwerer Gang ist, ein Leidensweg, den erst der Tod beendet. Er unterdrückt den Gedanken durch Arbeit, durch Trinken, durch Zeitvertreib, aber der Gedanke wird immer wiederkommen. [...] Wenn Leben Leiden ist und der Tod jeden Tag ein bisschen näher rückt, warum dann leben?

Aber es gibt noch drei weitere Wahrheiten, wie sie Buddha verkündet hat:
Leiden entsteht durch Begierde, die Begierde zu haben und die Begierde zu sein;
die Begierde zu haben und die Begierde zu sein können überwunden werden;
die Begierde kann durch Einschlagen des achtfachen Weges überwunden werden.

Was ist Erleuchtung?

Das Ziel ist die Erleuchtung, wie sie der über 70-jährige Meister im Zen-Tempel erreicht hat. Was ist diese Erleuchtung? Anscheinend ein tiefes Erkennen der Bedeutung dieses Lebens, das alles verändert, so wie man bei einem gedruckten 3D-Bild plötzlich das Bild erkennt, wo vorher nur Muster waren.

Erkenntnis. Aufhören der Angst vor dem Tod. Ich muss zugeben, dass ich es nicht vollkommen verstehe. Anscheinend gibt es eine besondere Erfahrung, die in der Geschichte der Menschheit immer wieder Menschen passiert ist, und die alles verändert. Auch in unserer Zeit sind Menschen wie Eckhart Tolle und Byron Katie erleuchtet worden.

Möglicherweise haben wir alle das Potenzial zu dieser besonderen Sicht der Welt. Nur: Wird das Leben dadurch besser?

Koan: Virus für die Psyche

Im Zen gibt es eine besondere Form von Rätsel: das Koan. Ein Koan ist so etwas wie ein Virus, der in der Psyche arbeitet, und für den es keine schnelle rationale Lösung gibt. Jeder Mensch muss seine eigene Lösung finden und ein Meister erkennt sofort, ob der Schüler das Rätsel gelöst hat. Ein Koan zerstört vielleicht die Bahnen der Gewissheiten.

Wo bleibt Gott?

Für uns Europäer ist bemerkenswert, dass in diesen Rätseln Gott anscheinend keine Rolle spielt. Es geht um Erkenntnis, wie man mit diesem Leben zurecht kommen kann. Die Buddhisten wissen nicht, ob es Gott oder andere höhere Lebensformen gibt.

Ich muss gestehen, ich weiß es auch nicht. Gott als liebevolles und mächtiges Gegenüber wie in Neale Donald Walschs Büchern ist eine schöne Vorstellung und manchmal bete ich zu diesem Gott. Jedoch bin ich mir nicht sicher, dass er existiert.

Disziplin und Freiheit

Die Buddhisten sind sehr diszipliniert. Sie tun, als ob sie wüssten, was im Leben zu tun ist. Durch diesen Trick erreichen sie sehr viel, während die meisten anderen Menschen ein wenig wie Schlafwandler tun, was ihnen gerade richtig vorkommt.

Vielleicht ist die strenge Disziplin, die man durch vorweggenommene Gewissheiten bekommt (obwohl man sich eigentlich gar nicht sicher sein kann) ein Mittel, um sehr viel schneller vorwärts zu kommen.

Der Autor des Buches ist danach ein erfolgreicher Krimi-Autor geworden. Er hat sich auch in der harten Zeit sehr viel Humor bewahrt, war zeitweise schusselig, hat viel geraucht und hatte Tagträume von Sex und Ausfahrten mit dem Motorrad. Er war ein völlig normaler Mensch, der bei seiner Suche anscheinend fündig geworden ist.


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